Faust – doppelt oder nichts

Gelungene Theateraufführungen regen zum Nachdenken an

Gott oder Teufel: Wer wird gewinnen? Die Menschen leben mit dem Konflikt zwischen Gut und Böse, sehnen sich nach der Harmonie und tun doch manchmal das Falsche. Die Theatergruppe des Ringeisen-Gymnasiums der St. Josefskongregation befasste sich unter der bewährten Leitung von Christina Kollmann mit der anspruchsvollen Thematik und brachte das von dem Autorenteam „Mephis Crew“ frei nach Johann Wolfgang von Goethe konzipierte Stück an zwei Abenden erfolgreich auf die Bühne des Ringeisensaals.

Natürlich steht auch hier eine Wette im Mittelpunkt. Die Zuschauer, die bei Faust-Aufführungen zu Beginn das Vorspiel auf dem Theater erwarten, werden nicht enttäuscht. Ein Lehrer (Lukas Gramminger) tritt auf – mit weitem Umhang und breitkrempigem Hut an den Dichter erinnernd, wie er auf Tischbeins Gemälde „Goethe in der Campagna“ abgebildet ist – und preist die Erhabenheit des Werkes: „Ich will, dass Goethe respektiert wird und sein Meisterwerk geachtet wird.“ Doch die Schüler (Lorena Frey und Sarah Friedrich) sehen das anders: „Goethe, der mit dem Kinofilm?“ Und so nimmt das Stück seinen Lauf: Gott (Paul Nicke) feilscht mit der Teufelin Femisto (Viktoria Eymer): „Drei Seelen musst du verführen, keine weniger.“ Die Auserwählten stehen kurz vor dem Abitur: Christina (Janine Kastner), die einsame Streberin, Benni (Ben Langenmair), der sich von der schönen Sarah (Hannah Ilgner) herumscheuchen lässt, und Joe (Axel Förster), der eigentlich gar keinen Plan hat. Mathelehrerin Frau Dr. Schubert (Emily Debbage) redet ihnen ins Gewissen: „Hochschulreife hat was mit Reife zu tun.“

Doch die Realität sieht anders aus. Zwischen den Szenen in der Schule werden die drei Protagonisten zuhause sichtbar: Christina wird von ihrer ehrgeizigen Mutter (Elisa Bentele) zu Höchstleistungen getrieben und von der verständnisvollen Haushälterin Claudine (Katharina Aumann) verwöhnt. Benni leidet darunter, dass die Eltern (Riana Wolf und Laurin Huber) seine Schwester Emily (Katharina Hufnagl) bevorzugen. Joe lebt als Waise bei seiner überfürsorglichen Oma (Jessica Mehr), die nicht mit dem Geld auskommt. Jeder trägt also sein Paket an Problemen mit sich herum – bis die Teufelin auf den Plan tritt und Erlösung verspricht: „Ich kann euch allen aus eurem erbärmlichen Leben helfen.“

Da die drei Jugendlichen zögern, erhalten sie eine Art Probeabo: Sie dürfen ihre teuflischen Fähigkeiten bis zum Abiball nutzen und müssen sich erst dann für immer entscheiden. Die Hexe (Elisabeth Schnur) lässt über ihren Assistenten Tausendsassa (Jamila Heidelberger) Zaubertränke liefern und verabreicht sie unter den Augen von Mephisto (Franziska Aumann). Und siehe da: Christina wird von allen angehimmelt, Benni kann für andere die Zeit stillstehen lassen und Joe glänzt mit überragender Intelligenz. Die Veränderungen sorgen in den Familien für Verwirrung, doch auch in der Schule zeigt sich, wie schnell Macht die Menschen korrumpiert. Besonders die unbeliebte Sarah hat darunter zu leiden. Und Benni setzt sogar Mephisto persönlich auf seine Schwester Emily an.

Beim Abiball eskaliert die Situation. Der durch den Zauber schlau gewordene Joe ist Jahrgangsbester – zum Ärger der anderen. Sie verraten das Geheimnis seines Erfolgs. Sarah, die nicht bestanden hat, wird gedemütigt und erleidet einen Nervenzusammenbruch. Dennoch willigen Christina und Benni in den lebenslangen Pakt mit dem Bösen ein. Joe jedoch hat von all dem genug und weigert sich. Und so verliert der Teufel erneut eine Wette gegen Gott. Das Schicksal der drei Abiturienten lässt er offen. Doch immerhin gewährt er dem Teufel eine Revanche.

Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler arbeiteten mit Bravour die unterschiedlichen Charaktere heraus und legten gekonnt deren innere Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit bloß. Bei aller Situationskomik und flott vorgetragenen Dialogen, die auch zum Lachen anregten, blieb beim Zuschauer ein beklemmendes Gefühl: Zu welchen Taten und Gedanken sind verführte Menschen fähig? Wie und wann ist Umkehr möglich? Ein großer Theaterabend mit Stoff zum Nachdenken!

Zum Gelingen des Stückes trugen weitere Schauspielerinnen und Schauspieler bei: Amelie Lyhs, Elena Döring, Marie Spengler, Alejandra Knöpfle Romero und René Mertens. Lilly Wirth und Selina Erdle sorgten als Souffleusen für das textliche Sicherheitsnetz. Lisa Fischer, Thea Müller und Johanna Walter waren für die Requisite zuständig. Mario Camenzuli schließlich bediente routiniert Licht und Ton.

Christian Pagel

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