Ursberger Schulen gedenken gemeinsam der Opfer der Euthanasie

Ursberger Schulen gedenken gemeinsam der Opfer der Euthanasie

Die zentrale Botschaft des Gedenktages am 27. Januar, den das Ringeisen-Gymnasium zusammen mit der Dominikus-Schule beging, lautet, Menschlichkeit im Angesicht der Unmenschlichkeit zu zeigen.

Das Aufzählen der Vornamen der 379 Menschen, die während der NS-Diktatur aus Ursberg verschleppt und ermordet wurden, dauert lange. Zum Schlag der Ursberger Kirchturmglocke legen die Schülerinnen und Schüler der 11. und 9. Klassen des Ringeisen-Gymnasiums und der Dominikus-Schule des Ringeisen-Werks, die sich gegen Mittag rund um das Denkmal der Opfer der Euthanasie im Klosterhof versammelt haben, eine Schweigeminute ein. Würde man für jedes Opfer des Nationalsozialismus eine Minute Schweigen, herrschte 4100 Tage lang Stille.

Eine seltsame Stimmung liegt über der Menge. Die Sonne scheint hell und warm – rund um den Klosterhof geht das Leben seinen gewohnten Gang. Eine Frau unterhält sich lautstark aus dem Fenster im oberen Geschoss des Torbogens mit einer anderen Frau, die unten im Hof steht. Was irgendwie unpassend wirkt zu dem ernsten Anlass, verweist doch auf einen wichtigen Aspekt, dem wir in unserer Erinnerungskultur vielleicht noch zu wenig Beachtung schenken. Auch während der Herrschaft der Nationalsozialisten fand vor der Kulisse des ganz normalen Alltagslebens so vieler Menschen ein unfassbares Verbrechen statt.

Insgesamt wurden im Rahmen der „Euthanasie“-Aktionen in ganz Europa etwa 200.000 bis 300.000 Menschen getötet, bis zu 400.000 Menschen wurden zwangssterilisiert. Es ist elementar, an dieses Verbrechen zu erinnern. Vor allem an einem Ort wie Ursberg, wo fast 400 Menschen dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Es ist wichtig, an das Leid zu erinnern. Angesichts der Monstrosität des Mordens ist es aber auch wichtig, sich klar zu machen, dass dies ein Verbrechen war, bei dem viele Menschen zugeschaut haben.

Nur etwa ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland hat aktiv Widerstand geleistet, rechnete die Historikerin und Gedenkstättenpädagogin Anja Schuller-Müller in einem gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Ringeisen-Gymnasiums und der Dominikus-Schule erarbeiteten Vortrag im Ringeisensaal vor. Dort hatten sich die Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte beider Schulen nach einer Andacht in der Hauskapelle von St. Josef am Vormittag versammelt.

Arbeitsgruppen beider Schulen hatten zusammen mit der Historikerin Schuller-Müller und ihren Lehrkräften Sabine Herget und Christina Kollmann Biographien Jugendlicher erarbeitet, die sich der Diktatur und der Unmenschlichkeit der Nazis widersetzt hatten, indem sie vor allem menschlich handelten. Dabei wurde deutlich, wie gefährlich der Widerstand gegen die NS-Diktatur war. Wer erwischt worden war, bezahlte meist mit dem Leben. Der Anlass war oft gering und auf das Alter der Jugendlichen wurde keine Rücksicht genommen.

Das mag viele Menschen dazu bewogen haben, lieber schweigend wegzusehen. Es sei richtig, dass Widerstand nach 1933 schwierig war, räumt Schuller-Müller ein. Die Denkmuster, die diese Menschheitsverbrechen ermöglicht hatten, wurden aber schon lange vor 1933 salonfähig. Hitler und die Nationalsozialisten waren kein Unfall der Geschichte – oft wurde ihnen freimütig der Weg geebnet, manchmal auch der Teppich ausgerollt. Kompromisslosigkeit, Polarisierung und Verhärtung haben die erste Demokratie auf deutschem Boden sterben lassen. Darum sei es insbesondere mit Blick auf heutige gesellschaftliche und politische Entwicklungen so wichtig, Menschlichkeit im Umgang mit anderen zu pflegen. „Wir können nicht die Welt ändern, aber wir können Einfluss auf unser Umfeld, auf Familie, Freunde, Vereine nehmen“, appellierte die Historikerin an die Schülerinnen und Schüler.

Nach dem Vortrag zogen die Schülerinnen und Schüler zum Denkmal in den Klostergarten, wo sie aus Tannen- und Fichtenzweigen ein mit goldenen Pflastersteinen gerahmtes grünes Kreuz legten. Jeder habe seinen Teil dazu beigetragen, erinnerte Pater Christian Hamberger. Grün sei die Farbe der Hoffnung, insofern hoffe er, dass die Schülerinnen und Schüler auch außerhalb der Schule im Alltag ihren Beitrag leisteten, zum Gelingen einer besseren Welt.

Schulleiter Andreas Merz dankte am Ende der Veranstaltung allen Verantwortlichen und Beteiligten, die „in dieser wunderbaren, bunten Vielfalt zusammengekommen“ seien, um gemeinsam zu gedenken. Er erinnerte an die in Stein gemeißelten Worte auf dem Denkmal – „Uns allen zur Mahnung“. Das würde man heutzutage vielleicht anders formulieren, wichtig sei jedoch, sich bewusst zu machen, „es beginnt immer bei uns selber“. Er mahnte: „Ihr seid die Zukunft. Es liegt auch an Euch, dass niemals wieder geschieht, was nicht passieren soll.“

Text: Stefan Reinbold/Bilder: Julian Schulz, Dejan Schießl

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